Behandlungswüste Deutschland

9. Oktober 2014 | Von | Kategorie: KOLUMNE




Einer der auszog, einen Facharzt zu finden

Behandlungswüste Deutschland Foto: Wilhelmshavener Zeitung

Behandlungswüste Deutschland
Foto: Wilhelmshavener Zeitung

Vor einigen Monaten zogen meine Frau und ich von Berlin nach Brandenburg, genauer gesagt in die Nähe der Stadt Forst in der schönen Niederlausitz.

Immer noch im Hinterkopf, in unserem so perfekten Deutschland zu sein, glaubten wir auch noch an eine ordentliche ärztliche Versorgung über den Hausarzt hinaus.
Bisher konnten wir auch wirklich stolz auf diese Versorgung sein, wenigsten solange wir in Berlin wohnten, auch wenn wir schon mal über den einen oder anderen Engpass gelesen hatten.

Was wir hier jedoch beinahe tagtäglich erleben, lässt uns längst an unserem Entschluss zweifeln, hierher gezogen zu sein. Das hat mich nun bewogen, diesen Artikel in der Kolumne zu schreiben.
Bedingt durch die Tatsache, dass ich inzwischen 72 Jahre alt bin und als chronisch krank gelte, ohne jetzt mit meiner Krankengeschichte zu langweilen, versuchte ich zunächst, einen Augenarzt in Forst zu finden. Es gibt inzwischen nur noch eine Augenärztin, die aber lehnt jeden neuen Patienten wegen angeblicher Überlastung ab. Die Praxis war schon einmal in den Schlagzeilen, weil Patienten dafür gezahlt haben sollen, einen Behandlungstermin zu bekommen.

Nun kann man die Gegend hier in keiner Weise mit Berlin vergleichen, was die Versorgung mit dem öffentlichen Nahverkehr anbetrifft. Das macht das Ganze denn auch entsprechend schwierig, in größerem Umkreis vom Wohnort nach entsprechendem ärztlichem Beistand zu suchen.

Es ist mehr als umständlich, nach Cottbus zu kommen, wenn man kein Auto besitzt und teuer ist es obendrein. So wie man in Berlin nun wirklich kein Auto benötigt, um zu jedem gewünschten Facharzt zu gelangen, ist es hier unumgänglich, eines zu besitzen, will man fachärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Denn auch in der Stadt Cottbus ist es keineswegs selbstverständlich, einen bestimmten Facharzt zu finden, der noch neue Patienten aufnimmt. So beginnt dann regelrecht eine Odyssee durch Brandenburg, verbunden mit der Hoffnung, endlich fündig zu werden.
Es kann doch nicht sein, dass der Bürger jetzt auch schon regional benachteiligt wird, nur weil er ländlich lebt, schließlich zahlen wir alle in unser Gesundheitssystem ein und sollten auch dieselben Leistungen erwarten können.

Mein neuer Hausarzt winkt schon ab, wenn er nur den Begriff „Facharzt“ hört oder ich um eine entsprechende Überweisung zum Fachkollegen bitte.
Er muss bestimmte Patienten sogar nach Dresden oder Berlin schicken. Beide Städte sind 150 Kilometer von Forst entfernt, und wenn man dann dort den ersehnten Behandlungstermin vielleicht erst am späten Nachmittag bekommt, kann es durchaus sein, dass man auch noch übernachten muss, falls man nicht über ein eigenes Fahrzeug verfügt.

Unser Orthopäde, den wir dringend brauchen und den wir auch nur durch Fürsprache und Vermittlung von Freunden fanden, ist 65 Kilometer entfernt. Das kann es doch eigentlich nicht sein.

Weitaus skandalöser waren jedoch die Erfahrungen, die wir mit der Notaufnahme des Forster Krankenhauses – korrekter Name „Lausitz Klinik“ – machen mussten. Nachdem eine plötzliche und äußerst schmerzhafte Achillessehnentzündung aufgetreten war, konnte ich zeitweise nur noch an Krücken gehen, was uns veranlasste, in Ermangelung eines Orthopäden vor Ort die Notaufnahme der Lausitz Klinik gegen 08:30 Uhr aufzusuchen.
Obwohl eine Auffahrt zur Notaufnahme existiert, darf diese nur ab 22:00 Uhr genutzt werden. So blieb mir nur übrig, mich die Treppe zum Haupteingang hoch zu quälen und den langen Weg zur Notaufnahme zu humpeln.
Nach der Anmeldung wurde uns eröffnet, dass zurzeit kein Arzt anwesend sei, weil gerade operiert würde. Es verging eine Stunde, es vergingen zwei Stunden und es vergingen drei geschlagene Stunden, bis ein Arzt verfügbar war. Ich stellte mir in dieser Zeit oft vor, was wohl geschehen würde, wenn ein Unfallopfer eingeliefert würde und dringender Behandlung bedurft hätte. Wäre dann der Arzt vom OP-Tisch zur Notaufnahme gehetzt?

Zwischendurch versuchte die Dame aus der Aufnahme immer wieder, um Verständnis zu werben. Der inzwischen verfügbare Arzt bedeutete mir, mich auf einen Hocker zu setzen und erkundigte sich nach meinen Beschwerden. Als ich ihm diese geschildert hatte, wies er eine Schwester an, mir einen Salbenverband anzulegen. Während sie damit begann, machte ich auf eine Allergie gegen einen entsprechenden Inhaltsstoff aufmerksam, der sich offensichtlich in der Salbe befand. Die Schwester hielt inne und meinte: „Dann wasche ich Ihnen die Salbe eben wieder vom Fuß.“ Gleichzeitig fragte sie den gelangweilt wirkenden Mediziner nach anderen Maßnahmen. Der verordnete nun Schmerztabletten und das Hochlagern des Beins und wünschte gute Besserung. Er wies darauf hin, dass nicht geröntgt werden könne, da dafür ein Röntgenarzt aus Potsdam aus der Ernst-von-Bergmann-Klinik, seit kurzem das Mutterhaus der Lausitz Klinik, angefordert werden müsse. Das könnte jedoch 3-4 Stunden dauern und er bot mir tatsächlich an, weiter im Warteraum Platz zu nehmen und auf den Röntgenologen zu warten, was ich natürlich ablehnte.

Einen Tag später suchte ich die Notaufnahme des Carl-Thiem-Klinikums in Cottbus auf, wo ich hervorragend und höchst professionell versorgt wurde.

Fazit: Alt werden ist nichts für Feiglinge, aber alt sein und krank schon gar nicht und erst recht nicht im ländlichen Bereich. Wo sind die gewählten Politiker? Wir werden immer älter, darauf hat sich die Politik und das Gesundheitssystem einzustellen und dafür zu sorgen, dass auch die Menschen auf dem Lande bestens versorgt werden, egal ob jung oder alt. Steuern werden auch hier gezahlt und Krankenkassenbeiträge ebenso. Es gibt also gar keinen Grund, ländliche Gebiete nicht ausreichend zu versorgen. Ein neuer Augenarzt würde in Forst mit Sicherheit überlaufen und könnte sich vor Patienten nicht retten.

Will Heppner

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