IM WINTER EIN JAHR
Nov 5th, 2008 | By yvo | Category: CINEMA, Demnächst im KinoEinfühlsame Inszenierung eines Familienportraits
Eliane Richter (CORINNA HARFOUCH) und ihr Mann Thomas (HANNS ZISCHLER) leben gut situiert in München. Sie arbeitet erfolgreich als Innenarchitektin, er hat als renommierter Bioniker gerade ein neues Buch veröffentlicht. Sohn Alexander (CYRIL SJÖSTRÖM), 19, besucht ein Elite-Internat für Spitzensportler in Berchtesgaden, während die talentierte 22-jährige Tochter Lilli (KAROLINE HERFURTH) Tanz und
Gesang studiert.
Keiner aus dieser „Vorzeigefamilie“ kann es fassen, dass der
fröhliche, unkomplizierte Alexander plötzlich auf tragische Weise ums Leben kommt. Und keiner von ihnen kommt mit den Folgen zurecht. Die zutiefst verstörte Eliane gibt bei dem berühmten Maler Max Hollander (JOSEF BIERBICHLER) ein Porträt ihrer beiden Kinder in Auftrag. Sie will eine Erinnerung haben an den Sohn, den sie nicht loslassen kann, und erhofft sich insgeheim, mit dem Bild eine unbeschwerte, vergangene und vielleicht nie da gewesene Familienidyllle heraufbeschwören zu können. Als Vorlage für das Porträt von Alexander stellt sie Max
Fotos und Videoaufnahmen ihres Sohnes zur Verfügung. Lilli soll, nach dem Willen ihrer Mutter, selbst zu einigen Sitzungen erscheinen. Lilli ist davon zunächst wenig begeistert. Sie findet Elianes Plan, ihren toten Bruder „als Dekoration“ an die Wand zu hängen, idiotisch. Überhaupt steht sie ihrer erfolgsorientierten Mutter äußerst kritisch gegenüber – sie selbst lebt nicht gerade diszipliniert.
Obwohl sie eine talentierte Tänzerin ist, hat sie Probleme an der
Theaterakademie. Eigentlich soll sie in einer Inszenierung von „Alice im Wunderland“ die Hauptrolle tanzen, doch nach trotzigen Auseinandersetzungen mit der Lehrerin fliegt sie raus. Auch mit Aldo (MISEL MATICEVIC), einem Künstler, in den sie sich verliebt hat, läuft es nicht gut. Viel zu sehr klammert sie sich an ihn, sucht etwas in dieser Beziehung, das Aldo nicht zu geben bereit ist. Lilli steht mit sich und dem Leben auf Kriegsfuß, und begegnet auch Max zunächst voller Vorbehalte.
Während der wesentlich ältere Maler Skizzen und Fotos von seinem
Modell fertigt, versucht er, Lilli zu „sehen“ und zu verstehen. Für ein wahrhaftiges Porträt muss er mehr über seine Modelle und ihr Verhältnis zueinander erfahren. Dabei bleibt ihm die tiefe Beziehung der Geschwister zueinander nicht verborgen und er erkennt, dass sich Lilli seit dem Tod des Bruders auf der Suche nach sich selbst und ihrer Schuld
befindet. Im Zuge der aufwändigen Arbeit an dem Doppelporträt wird Max immer stärker in das komplexe, emotional aufgeladene Familiengeflecht hineingezogen. Getrieben von dem Bedürfnis zu verstehen, was Alexander und dessen Tod für Lilli und ihre Familie bedeuten, begleitet er die junge Frau auf Spurensuche in die Vergangenheit.
Das Zusammensein mit Lilli hat auch Auswirkungen auf Max. Denn auch im Leben des Malers haben persönliche Verluste tiefe Spuren hinterlassen. Die beiden verletzten Seelen fühlen sich immer stärker zueinander hingezogen. Ein Vertrauensverhältnis entsteht, das ihnen hilft, langsam und Schritt für Schritt die schmerzhafte Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Das Porträt, das aus diesem Prozess der Suche hervorgeht, erfüllt so gar nicht Elia-nes Erwartungen. Aber etwas hat sich verändert, die Erstarrung ist aufgebrochen, Lillis und Max’ innerer Aufbruch strahlt ab auf den Rest der Familie: Eliane und Thomas suchen einen Ausweg aus ihrer erkalteten Ehe, und Lilli und ihre Mutter bewegen sich langsam wieder aufeinander zu. Ein Bild der Geschwister ist entstanden, mit dem Lilli gestärkt weiterleben kann – und das für die Beteiligten die Chance auf einen Neuanfang birgt.
Oscar-Preisträgerin Caroline Link (NIRGENDWO IN AFRIKA, 2001; JENSEITS DER STILLE, 1996) greift auch in ihrem lange erwarteten vierten Film das Thema auf, das sie immer wieder aufs Neue beschäftigt: Familie und familiäre Wurzeln. Eine nach einem Schicksalsschlag traumatisierte Familie sucht so etwas wie Normalität
und befreit sich – jeder auf seine Weise – aus erdrückender emotionaler Erstarrung.
Bei der Verfilmung ihres eigenen Drehbuchs nach dem amerikanischen Roman von Scott Campbell beschreitet Link neue Wege, verlässt sich nicht auf eine gewohnte, handlungsgetriebene Erzählweise, sondern schlägt leisere Töne an und vertraut dabei bewusst der emotionalen Interaktion zwischen ihren beiden Hauptdarstellern. Dank des nuancenreichen Spiels von Karoline Herfurth und Josef Bierbichler entsteht eine bewegende Innensicht der Figuren, ein komplexes Familienporträt sowie ein höchst spannungsreiches Psychogramm einer intensiven, ungewöhnlichen Begegnung.
Seine visuelle Entsprechung findet das Beziehungs-Mosaik in den eigens für diesen Film geschaffenen Bildern des in München lebenden und international renommierten Ausnahme-Künstlers Florian Süssmayr und den eigens komponierten und choreografierten Tanz- und Musical-Sequenzen.
Darsteller: Karoline Herfurth, Josef Bierbichler, Corinna Harfouch, Hanns Zischler, Misel Maticevic, Cyril Sjöström, Jacob Matschenz
Drehbuch: Caroline Link
Nach dem Roman „Aftermath“ von Scott Campbell
Produzenten: Uschi Reich, Martin Moszkowicz
Executive Producers: Robert Cort, Scarlett Lacey
Regie: Caroline Link
Quelle & Szenenfotos: Constantin Film
