ZUM MUTTERTAG
Mai 5th, 2008 | By admin | Category: KOLUMNEAn meine Mutter
Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir
so lang Dir kommt, lass keinen Zweifel doch
ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns,
die ich Dir schuldig bin, aus meiner Brust
entwichen. Nein, so wenig als der Fels,
der tief im Fluss vor ew’gem Anker liegt,
aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut mit
stürm’schen Wellen bald, mit sanften bald
darüber fließt und ihn dem Aug entreißt, so
wenig weicht die Zärtlichkeit für Dich aus
meiner Brust, obgleich des Lebens Strom,
vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend
drüber fließt und von der Freude bald
gestreichelt, still sie deckt und nie
verhindert, dass sie nicht ihr Haupt der
Sonne zeigt und ringsumher zurück-
geworfen Strahlen trägt und Dir
bei jedem Blicke zeigt,
wie Dich Dein Sohn verehrt.
Johann Wolfgang von Goethe . 1749 – 1832

